All Hallows Read – Gastbeitrag von Germaine Paulus

(c) Patrick Bittner

Im Rahmen meiner Blogtour zu All Hallows Read lasse ich heute eine Frau zu Wort kommen, die sich bestens mit Horror auskennt. Immerhin ist Germaine Paulus Mitgründerin und Mitherausgeberin des Genre-Magazins „Deadline“. Außerdem hat die Texterin auch schon selbst ungewöhnliche Stories veröffentlicht: Ihre Kurzgeschichte „Last Order“ zählt zu meiner persönlichen Top Five der Anthologie „Auf fremden Pfaden“.  Mehr zu Germaine Paulus könnt Ihr hier erfahren: klick. Aber jetzt lasst uns erst einmal lesen, welchen Titel sie Dir zu Halloween ans Herz legt:

 

 

Mit ersten Gedanken ist es ja so eine Sache.

Als Tanja mich vor einigen Monaten fragte, ob ich an „All Hallows Read“ teilnehmen und ein Buch empfehlen will, trällerte mein erster Gedanke in etwa derart durch meinen Kopf:

Klasse, lass ma‘ FROM HELL machen, ist zwar kein Buch in dem Sinn, aber ein Mordsding von einem Comic, los komm, da hatten wir doch schon mal was drüber geschrieben, warte, ich suche … Hier, hab’s gefunden, hör zu: „1888. Brasilien schafft die Sklaverei ab, in Deutschland wird der Wechselstromzähler erfunden und in England hat man Jack the Ripper. Auf der Theorie von Stephen Knight basierend, präsentiert Autor Alan Moore weit mehr als die Vivisektion eines möglichen Täters und dessen Motiven: Moore zeichnet ein bedrückendes Gesellschaftsporträt, verwoben mit einer Geschichte voll irrsinniger Königstreue, kruden Moral- und Machtvorstellungen – und Wahn aus bestem Hause. Denn dieser Jack heißt Sir William Gull, ist Leibarzt der Königin, zudem Freimaurer und hat einen Auftrag. Das darf verraten werden, immerhin tut FROM HELL dies auch, und im Gegensatz zur gleichnamigen Verfilmung von 2001 sogar schon sehr früh. Es folgen Hunderte von Seiten, die den Leser stets auf irritierender Distanz halten und dadurch eine unangenehme voyeuristische Kraft entwickeln. Das durchgängig schwarz-weiße Artwork von Campbell verkneift sich auf jeder Seite das Ausbüchsen, bleibt kontrolliert und kühl – und gerade deshalb ungemein stark. FROM HELL zeigt Tristesse und Hoffnungslosigkeit in einer Zeit, die von Wandel, Elend und Aufbruch gleichermaßen gekennzeichnet war. Und es zeigt einen Jack, der sich als Geburtshelfer eines neuen Jahrhunderts sieht. FROM HELL ist keine Kriminalstory. Es ist ein nun endlich als Gesamtausgabe erhältliches, anspruchsvolles 600-seitiges Monument, das skizziert, wie Menschen zu Monstern und Morde zu Mysterien werden. Spirituell, intellektuell, verstörend.“

Zugegeben, das ist ein sehr langer erster Gedanke.

Außerdem sagte Tanja sofort: „Prinzipiell gut. Aber ist der nicht vergriffen?“

Mist.

Es folgte ein zweiter erster Gedanke, dem wiederum ein Flitzen an die Regalwand und ein zielgerichteter Griff folgte, der mich im Nachhinein immer noch verwundert. Prinzipiell finde ich nie sofort das, was ich suche. Aber da lag es in meiner Hand. Feine 565 Seiten fett und vom Lesen zerfleddert. IM NAMEN DES SCHWEINS. „Fesselnd und rätselhaft zugleich“, behauptet die Süddeutsche Zeitung auf dem Buchrücken, und ich, nun, ich muss sofort an Schnee denken. Es schneite wie wild, als ich mich damals in Pablo Tussets seltsame Welt vergrub. Ein Welt, irgendwo im Hinterland Spaniens, wo seltsame Morde, seltsame Menschen und das Seltsame im großen Ganzen die Seiten bevölkern. Es ist nicht leicht, IM NAMEN DES SCHWEINS einem Genre zuzuordnen. Prinzipiell ein Krimi, ja. Aber einer, der auf Grenzen scheißt und sich zu einer ungewöhnlich erzählten Geschichte aufblättert. Mit Kapiteln, die „In der Welt“, „In der Hölle“, „Im Paradies“ als Titel tragen und den äußerst brutalen Mord an einer äußerst dicken Frau mit Wonne umrahmen. Denn eigentlich geht es um viel, viel mehr. Warum ich dieses Buch empfehle? Weil es witzig ist. Und sehr böse. Ich mag das. Und dann … zeigt mir der Blick ins Netz: Nur gebraucht erhältlich.

Ach komm!

Okay, es gibt die Kindle Edition. Liebhaber von Papiergeruch müssen, wie bei FROM HELL, wohl auf einen erfolgreichen Beutezug durch Antiquariate und Flohmarktkisten hoffen. Oder – ganz profan – auf die Zwergenpreise zurückgreifen, zu denen das wundervoll groteske Werk von Tusset online aus zweiter Hand zu erwerben ist. Aber irgendwie passt das alles ja auch zu Halloween, Samhain, dem Tag der Toten und meinetwegen auch Allerheiligen oder wie immer man diese Nacht und ihr Drumrum nennen mag. Dann, wenn die Weltenränder dünn sind. Wenn Neues und Gebrauchtes sich an den Übergängen kritisch beäugen.

Und für den Fall, dass die Buchhandel-Hardliner sich nun, nachdem sie diesen langen Text gelesen haben, irgendwie veräppelt fühlen, weil sie am Ausüben ihres Buchhandel-Hardlinerism gehindert werden: Keine Sorge. DER VOGELMANN von Mo Hayder ist tatsächlich im Handel erhältlich. Wer also den ausklingenden Oktober mit richtig brutalem Thrill füllen möchte – voilà. Denn DAS ist ein Tipp für die ganz Harten.

So oder so wünsche ich euch Vergnügen beim Überschreiten von Grenzen.

Wie auch immer ihr es gerne lest.

Germaine Paulus

 

 Wie in jedem Blogartikel zur Aktion gibt es auch heute noch einen der Buchstaben für Dich, die am Ende des Monats zu einem Lösungswort zusammengesetzt werden können. Zu gewinnen gibt es zehn Buchpakete im Gesamtwert von knapp 600 Euro. Alle Infos dazu findest Du hier.

Den nächste Buchstaben – und die nächste Buchempfehlung gibt es ab Mittwoch, 18. Oktober 2017, auf dem Blog von Christian Handel unter www.fantasy-news.com.

Viel Spaß beim Lesen und gruseln!
Tanja

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu “All Hallows Read – Gastbeitrag von Germaine Paulus

  1. Guten morgen,
    interessantes Interview.
    Aber irgendwie blick ich bei den Buchstaben nicht mehr ganz durch 🙂 Naja, lass mich weiterhin überraschen.
    Liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

    • In jedem Blogpost ist angegeben, wo der nächste Beitrag zu finden ist. Am 28. Oktober wird es zusätzlich hier eine Zusammenfassung mit Links zu allen Beiträgen geben.

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