Boris Koch: Die Feuer von Arknon. Drachenflüsterer 4 (Rezension)

Der junge Ben verfügt über eine mächtige Gabe: Er kann Drachen heilen. Im Kampf gegen den Drachenritter-Orden, der die mystischen Wesen versklavt, haben er und seine Freunde sich viele Feinde geschaffen. Als ein neuer Gegner auftritt, der übermächtig scheint, müssen die Geächteten einen Ausweg finden. Ein riskanter Plan führt sie ins Ewige Eis, wo die grausamen weißen Drachen leben. Gleichzeitig läuft die junge Cathe von zuhause weg, um sich beim Drachenritter-Orden zur Jungfrau ausbilden zu lassen und bei der vermeintliche Befreiung der geflügelten Drachen zu helfen. Dabei verfolgt sie zusätzlich ein ganz eigenes Ziel.

„Die Feuer von Arknon“ ist der vierte Band der „Drachenflüsterer“-Reihe von Boris Koch, lässt sich aber sehr gut auch als Einzelband lesen. Durch die Figur der Cathe erhält der Leser diesmal tiefe Einblicke in die Welt des Ritterordens. Die beiden Handlungsstränge werden im letzten Drittel des Buches auf überraschende und vielschichtige Art zusammengefügt, so dass sich ein harmonisches Ganzes bildet. Ab dann überschlagen sich auch die Ereignisse. Gegen Ende des Buches wird die Handlung so spannend, dass nicht nur Jugendliche mitfiebern dürften. Leider ist der Showdown etwas knapp geraten und hätte gern noch ein oder zwei Kapitel länger sein dürfen.

High Fantasy steht und fällt mit ihrem Weltenbau. Hier ist es Boris Koch gelungen, mit den verschiedenen Wesen, Parteien und Mythen einen Hintergrund zu schaffen, der für eine lebendige Atmosphäre sorgt, zugleich aber nicht zu komplex für das Zielpublikum (empfohlen wird das Buch ab 12 Jahren) wird. Deshalb eignet sich das Jugendbuch auch hervorragend als gute Unterhaltung für Erwachsene, die mal abschalten wollen. Und nicht nur aus diesem Grund: Boris Koch versteckt extra für sein erwachsenes Publikum kleine humorvolle Einlagen:

„Jede Jungfrau […] wurde vom Orden ehrenhalber entlassen und galt fortan als ausgezeichnete Partie. Jungfrauen des Ordens waren erwiesenermaßen Jungfrauen, sie waren schön, tapfer und äußert duldsam. , war ein tausendfach gehörter Scherz im Großtirdischen Reich […].“

Außer dem Weltenbau ist es die Sprache, die den Leser in das Großtirdische Reich eintauchen lässt. Sehr geschickt kreiert Boris Koch neue Begriffe aus alten Wörtern, wie z.B. „Erdbirnen“, „moorschwarz“ oder das Kosewort „mein Gulden“. So entsteht eine dem Setting gerechte Atmosphäre, die aber dem jungen Leser zugleich nicht zu fremd wird. „Winterschlafmüde“ ist übrigens eines meiner neuen Lieblingsworte und wird ab sofort in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen.
Boris Koch Sprache ist sehr humorvoll, aber ohne Klamauk (ich lache immer noch über die Namensgebung des Ritters Lanzifal), und sehr gefühlvoll, ohne schwülstig zu werden. Dies gilt v.a. für die zarte und doch so starke Beziehung zwischen Ben und Anula. Den oft zitierten Autoren-Tipp „show don’t tell“ hat der Autor ebenfalls hervorragend umgesetzt, so dass es leicht fällt, sich in die Charaktere hineinzuversetzen und die Geschichte aus ihrer Perspektive mitzuerleben.

„Er ging nun immer leicht gebeugt, die Augen waren gerötet, unter ihnen breiteten sich dunkle Ringe aus. Es war, als hätte jemand das Licht in ihnen gelöscht, so matt und leblos wirkten sie.“

Neben Weltenbau und Sprache sind es die Charaktere, die das Buch zu einem besonderen Lesegenuss machen. Ben wird als ein liebenswerter Draufgänger geschildert, der seine Rolle als Anführer ablehnt, aber dennoch als solcher handelt und Verantwortung übernimmt. Die Mitglieder seiner Bande – den eine solche, an Ronja Räubertochter erinnernde Bande sind sie, auch wenn sie es immer wieder abstreiten – sind eigen, aber durch die Bank weg liebenswert. Kleine Details, bestimmte Marotten oder Geschichten aus der Vergangenheit, machen jede Figur einzigartig, so dass sie nicht zu bloßen Anhängseln der Protagonisten verkommen. Dazu gehört auch, dass gerade den Helden nicht immer alles gelingt – wenn Ben z.B. trotz Gabe mehrere Tage braucht, um einen Drachen zu heilen – und dass manches Mal der Zufall – oder das unverschämte Glück – nachhelfen. Mit Cathe hat Boris Koch zudem eine ausgesprochen emanzipierte Heldin geschaffen, der es widerstrebt, sich den Regeln ihrer Dorfgemeinschaft und des Ordens zu unterwerfen:

„Cathe mochte den Schreiunterricht nicht besonders. Alles andere fiel ihr leicht […] Sie war geschickt im Klettern und Reiten und mit dem Messer, sie konnte schnell und wendig laufen und hatte rasch gelernt, die Angst im Zaum zu halten, wenn eine befreiter Drache einen Angriff nachstellte. Sie tat alles, um ihre Tapferkeit, Zähigkeit und Geschicklichkeit zu üben, aber sie war einfach nicht bei der Sache, wenn sie Hilflosigkeit zeigen sollte. Alles in ihr wehrte sich dagegen, hilflos zu sein […].“

Aufgelockert wird der Text – großzügig gesetzt in größerer Schrift und mit breiterem Zeilenabstand – durch Illustrationen von Dirk Schulz.

Ein gutes Buch unterhält nicht nur, es hält uns auch einen Spiegel vor, und so findet sich versteckt zwischen mutigen Helden und sagenumwobenen Drachen auch leise Gesellschaftskritik. Die Schnelligkeit, in der die Bevölkerung gegen Ben aufgebracht wird, und ihre Bereitschaft, übelsten Gerüchte über die Geächteten Glauben zu schenken, sind beispielhaft für unsere heutige Welt. Und das Aufnahme-Ritual in das Jungfrauen-Kloster, das – inklusive von Ehrgeiz zerfressender Eltern – einem Casting ähnelt, zeichnet ein erschreckendes Bild unserer aktuellen Medienlandschaft.

Darüber hinaus ist „Die Feuer von Arknon“ ein Buch über Freundschaft und Mut. Darüber, dass man ruhig an allem zweifeln darf, ja, sogar soll. Und darüber, dass man manchmal Dinge tun muss, obwohl man Angst vor ihnen hat. Weil sie richtig sind. Weil man dadurch erwachsen wird. Dadurch hebt sich das Jugendbuch erfrischend von einer Menge anderer Bücher ab und ich spreche gern eine uneingeschränkte Leseempfehlung für die Zielgruppe aus.

 

Details zum Buch
Boris Koch: Die Feuer von Arknon. Drachenflüsterer 4.
Heyne Verlag – gebunden – 429 Seiten
ISBN: 3453271041
Preis: 12,99 Euro

Hinweis:
Das Buch wurde mir kostenlos vom Heyne Verlag zur  Verfügung gestellt. Vielen Dank.

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